Waldweben Wedekind


Andreas Frye
 
singt
 
Frank Wedekind – Gebet eines Kindes




"O heilige Nacht, aus Kampfgebraus fleh ich mit
gläubiger Gebärde zu dir, daß uns geholfen werde!"



Im Erleben dessen, was die Menschen alltäglich zwischen dem Kampf ums Brot und dem Kampf um die Liebe aufspannt, richtete sich die Aufmerksamkeit des Dichters Frank Wedekind immer wieder auf die Jugend, die Kinder und Heranwachsenden, und ihre Zurichtungen durch eine Umwelt, die im hochzivilisierten Zustand durchaus nicht friedlich, sondern durch und durch kriegerisch geprägt war – und ist.

An diesem Punkt setzt der Berliner Sänger Andreas Frye an, der die bislang nur selten gesungenen Lieder des Dramatikers und legendären Dichtersängers völlig neu arrangiert und zum Teil auch, wo die Überlieferung der Melodien fehlte, neu vertont hat. Das, was unvernünftig und tabubeladen sich dem noch unverbogenen Empfinden der Kinder entgegenstellt und dadurch die Lieblosigkeit, genauergesagt die Verletzungen durch ein beim besten Willen nur mühsam der Vernunft zu unterwerfendes zerstörerisches Lieben über die Generationen weitergibt – das ist, was Andreas Frye als roten Faden für sein Programm aufgreift. Die Figuren Wedekinds stehen dabei, wie in der Dichtung, in einem durchaus humoristischen Licht, indem sie gleichzeitig abstrichslos ernst genommen werden, und sich angegriffen nur erweisen durch die Szenerie, in die sie gestellt sind – die "großen" Kinder, die trudelnden, sich bäumenden, entscheidenden oder sich nicht entscheidenden Erwachsenen nicht weniger als die wirklichen Kinder.

"Waldweben Wedekind" ist eine von Andreas Frye feinfühlig montierte Collage aus Liedern und Texten, darunter, neben lakonischen Conférencen, literarische Impressionen aus der Prosa Wedekinds, aus seinen Tagebüchern, seinen Gedichten und Theaterstücken. Die Musik, die Gabe Wedekinds, zu seinen Dichtungen wunderschöne Melodien zu finden, wird durch Fryes Arrangements neu entdeckt, die Lieder von den verführten und verführenden Mädchen, von Wendla, Ilse und Brigitte B., die Schauerballaden wie die vom Lehrer von Mezzodur und die sarkastischen Reflexionen über eine Moral, die am liebsten dort die Nase vorm Gelde rümpft, wo es in ausreichendem Maße vorhanden ist, den Nichtbesitzenden, Kapitallosen und Armen dergestalt die schönsten Idealismen andienend – dieser Menschenkinder-Kosmos, in diesen aus der Vergessenheit geborgenen Liedern Wedekinds, gesungen von Andreas Frye, steht plötzlich groß und überwältigend vor uns.



Frank Wedekind (1864–1918)

Dramatiker, Lyriker und Erzähler. Autor unter anderem der Dramen "Frühlings Erwachen", "Lulu", "Der Marquis von Keith" und "Franziska".

Die Lieder Wedekinds, dem wohl prominentesten Mitbegründer der deutschen Chansonkultur, sind, von dem Dichter selbst noch vorbereitet, erst postum veröffentlich worden, etliche Lieder fanden sich noch, in mehr oder weniger verifizierbarem Zustand, in seinem Nachlaß. Die vollständige Herausgabe aller Lieder in einer kritischen Studiengabe wird zur Zeit von der Darmstädter Wedekind-Editionsstelle vorbereitet.

Gerne auf Schauspielerkneipen gesungen, oft als krude Küchenlieder verschrien, so gut wie nie in abendfüllenden Programmen aufgeführt – in größerem Stil zuletzt in der Nachkriegszeit durch Pamela Wedekind, der Tochter des Dichters –, bergen Wedekinds Lieder aber viel mehr. Dazu Andreas Frye: "Wir finden hier einen ungeheuren Melodienschatz, zu einer Dichtung, deren Wucht und Souveränität uns aus den Stücken Wedekinds eigentlich vertraut sein sollte, die aber, abgesehen von seinen Welttheater-Schlagern 'Lulu' und 'Frühlings Erwachen' zu einem großen Teil in eine unverdiente Vergessenheit geraten ist. Daheraus will ich zumindest das, was mir als Sänger anvertraut ist, ans Licht holen."


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